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Melancholie

Laszlo F. Földényi / NZZ
Der Teiltext ist aus der NZZ vom 29. September 2007 unter diesem Titel erschienen

Link zum ganzen Beitrag:
http://www.nzz.ch/glueck-und-melancholie-oder-lob-ihrer-unzeitgemaessheit-1.562041

Glück und Melancholie oder Lob ihrer Unzeitgemässheit  -

Über die Karriere zweier Begriffe

Autor: Laszlo F. Földenyi  

 << Le bonheur est une idée neuve en Europe. >> Antoine des Saint-Just

Das 18. Jahrhundert hatte sich das Glück des Menschen auf die Fahne geschrieben. Man meinte jedoch ein anderes Glück als jenes, zu dem als sein Gegenstück die Melancholie untrennbar gehörte. Mit dem neuen Glück sollten die Menschen auch von der Melancholie geheilt werden. 

Doch je universeller das Gebot des «Sei glücklich!» ist, umso grösser ist seltsamerweise das Ausmass des Unglücks auf Erden. Nicht nur weil der Mensch hin und wieder mit Waffengewalt zum Glück gezwungen werden sollte, sondern auch weil etwas, das unterdrückt wird, umso heftiger wieder ausbricht. [...]

Wenn eine Kultur wie die unsere alles unternimmt, um die Melancholie zu verbannen oder zumindest «unschädlich» zu machen, handelt sie der Melancholie gegenüber verantwortungslos und beraubt auch die Menschen des Erlebnisses einer sie überragenden Transzendenz, der Einsicht, dass der Mensch trotz seiner Grösse und Begabung keinesfalls allmächtig ist. Die Melancholie kann den Menschen auch zu Einsichten verhelfen; [...]

Sowohl dem Glück als auch der Melancholie wohnt etwas zutiefst Anarchisches, Aufrührendes inne, denn beide entziehen den Menschen dem Griff der Gemeinschaften und isolieren ihn. Das fällt besonders bei der Melancholie auf: Der Melancholiker wird gerade deshalb melancholisch, weil er erkennt, dass ihm niemand die Last seiner Existenz von den Schultern nehmen kann. Und deshalb hat er das Gefühl, in seiner Existenz vollkommen allein gelassen zu sein. [...] Diese unbekannten Gefilde sind jenseits aller Grenzen.
Nicht seine Trauer verzeiht die moderne Gesellschaft dem Melancholiker nicht, sondern dass er in seiner Seele diese Grenzen überschritten hat. [...]

Aber wenn das stimmt, warum nennen wir sie dennoch einen positiven Zustand, ohne den die Welt durchaus ärmer wäre? Weil der Mensch bei Überschreitung der Grenzen auf das unfassbare Fundament seiner eigenen Existenz stösst. Grenzenlosigkeit bedeutet keine Unendlichkeit der Tiefe, der Höhe, der Grösse oder der Entfernung, sondern der Unerschöpflichkeit. Die Melancholie ist das Erlebnis dieser Unerschöpflichkeit. Deshalb ist sie in einer Zeit wie der unseren, in der die «heilige Dreifaltigkeit» von Technik, Ökonomie und Politik für ausnahmslos alles Lösungen bietet, nur schwer zu akzeptieren.

Laszlo F. Földényi / NZZ
Der Teiltext ist aus der NZZ vom 29. September 2007 unter dem Titel erschienen

Link zum ganzen Beitrag:
http://www.nzz.ch/glueck-und-melancholie-oder-lob-ihrer-unzeitgemaessheit-1.562041